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Seid froh, wenn das Kind schreit! Wie wir mit tobenden Kleinkindern gelassen umgehen können

lonely-428380_640Viele Mütter kommen zu mir in die Beratung und sagen: „Unser zweijähriges/dreijähriges Kind schreit soviel! Früher war alles so entspannt, ich dachte, es gäbe keine Trotzphase, aber jetzt da wir umgezogen sind/ da das Geschwisterchen da ist / da ich mich getrennt habe / da es in die Kita geht, schreit und tobt es sooo viel!!!“

Der Gedanke, den wir im Gespräch hinter dieser Aussage finden, ist oft: Vorher habe ich alles richtig gemacht und das Kind war immer entspannt. Jetzt habe ich etwas falsch gemacht und das Kind schreit. Es stresst mich. Ich verliere den Kontakt zu ihm.

Hat die Mutter/ haben die Eltern etwas falsch gemacht? Grundsätzlich erstmal: Meiner Ansicht nach, schreien Kinder nicht, weil ihre Eltern „schuld“ oder „falsch“ sind. Im Gegenteil. Wenn euer Kind schreit – seid froh! Es zeigt, dass das Kind im Kern gesund ist. Wenn euer Kind in seinem Innersten Kern ein  Problem hätte, würde es schweigend in einer Ecke sitzen, von vorne nach hinten wippen und auf den Boden starren. Solange eure Kinder noch schreien, bocken, wüten und weinen, ist grundsätzlich alles „gut“.

Gut? Ja gut. Mir hat eine Kinderpsychologin einst gesagt: „Ihr Kind schreit, tobt und brüllt, wütet und weint? Wunderbar. Schlimm wird es, wenn die Kinder sich nicht mehr äußern, wenn sie alles in sich hineinfressen, wenn sie ihre Gefühl abkapseln.“

Kinder, die weinen, toben und schreien…

  • zeigen ihre Gefühle
  • fühlen ihre Gefühle
  • haben das Vertrauen, dass Mama und Papa ihre Gefühle sehen dürfen
  • haben das Vertrauen, dass sie aufgefangen werden
  • haben das Vertrauen, dass sie sein dürfen
  • „kämpfen“ um ihr Wohlbefinden, indem sie äußern, dass etwas nicht stimmt

Das heißt nicht, dass wir in Freude ausbrechen, wenn sie toben. Diese Situationen sind anstrengend und stressig. Aber sie sind der Weg unserer Kinder zu sagen, dass sie etwas von uns brauchen. Allein das zu sehen, hilft oft schon sehr viel weiter.

Das Kind will uns nicht ärgern, keine Grenzen testen und niemanden tyrannisieren – es versucht nur zu sagen „für mich stimmt hier etwas nicht“.  Vielleicht braucht es mehr Schlaf, vielleicht regelmäßigeres Essen, vielleicht weniger iPad oder mehr Mama, mehr Klarheit oder weniger Regeln, mehr Papa oder eine Erklärung, warum Opa nicht mehr da ist … – was es genau ist, das wissen die Eltern am besten oder finden es in der Beratung mit mir oder den Coaches heraus.

Wichtig ist grundsätzlich aber: Wenn das Kind schreit, ist es kein Zeichen elterlichen Versagens. Sondern ein Forschungsauftrag.
Schaut von außen drauf. Fragt euch:

  • was hat sich verändert? seit wann ist das so? in welchen Situationen ist das so?
  • was „fordert“ das Kind ein?
  • sind wir wirklich da? Haben wir gerade die Kraft?
  • was hilft meinem Kind?
  • was könnte es brauchen? (oft verlangen wir schon von Dreijährigen einfach mehr Kooperation und Belastungsfähigkeit als sie leisten können, weil besonders AP-Kinder einfach oft schon so „groß“ wirken, aber sie sind doch erst drei)
  • was ist wunderbar an meinem Kind? Was ist wunderbar an mir?
  • wie geht es mir – was brauche ich, um damit umgehen zu können?
  • wer könnte mir helfen, mich unterstützen, mir ein Ohr leihen?

Wenn ihr diese Fragen stellt, findet ihr eure Antworten. Und dann geht los und verändert die Welt. Bis zum nächsten Mal –  und das kommt bestimmt. Und dann müssen wir wieder fragen. So wachsen wir gemeinsam und das Rad dreht sich weiter.  <3 Nicola

Hättet ihr es gewusst? Warum wir stillen – und keine Eier legen.

 

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Stillen ist wahnsinnig gesund. Aber wisst ihr eigentlich, warum? Und warum wir stillen? Ich habe mich fürs Artgerecht-Babybuch mal schlau gemacht:

„Es war wahrscheinlich ein sehr unscheinbares kleines Tierchen, dass da im Mesozoikum plötzlich auf eine bahnbrechend neue Idee kam, die keine der eierlegenden Echsen vor ihm gehabt hatte: Es wärmte seine Eier mit der Unterseite seines Bauches und sonderte von dort ein Sekret ab, das die Eier mit einer schützenden Schicht überzog. Sie schützte die Nachkommen gegen Bakterien und andere schädliche Mikroorganismen.“ (Artgerecht-Babybuch, S. 82).

Da war sie, die erste Stillbeziehung! So erklärt sich vieles, was Muttermilch so einzigartig macht. Sie war nämlich wahrscheinlich erst ein Schutz gegen Pilze und Bakterien und dann erst „Futter“ :).

Die Idee mit der Milch verschaffte den kleinen Babys einen Vorteil, sie wuchsen vielleicht schneller oder wurden größer, waren weniger anfällig für Krankheiten oder bekamen mehr Nachwuchs. Was immer der Grund war – als die Dinosaurier sich verabschiedet hatten, brach die Ära der Säugetiere an. Heute, gut 65 Millionen Jahre später, haben sich die Säuger über den ganzen Erdball verbreitet – wir Menschen gehören dazu!

Besonders ans Herz gewachsen ist mir ein Zitat von Sarah Bluffer Hrdy:

»Säugetiermütter waren Alchimisten, die vorhandenes Futter in biologisches Gold verwandeln konnten, und zwar in eine sehr gut verdauliche Nahrungs- und Antibiotikamischung, die kräftigt und schützt.« (Sarah Bluffer Hrdy: Mutter Natur, Berliner Taschenbuch Verlag, 2002, S. 156)

Ihr wunderbaren Frauen, die ihr Toast, Eier, Nüsse und Blätter in „biologisches Gold“ verwandeln könnt – ich wünsche euch eine wunderbare Stillzeit!

Wenn man diese Geschichte kennt, wird klar, warum Muttermilch so wichtig ist: Sie enthält Tausende von Stoffen, ist nahrhaft, direkt auf das jeweilige Baby, seine Bedürfnisse, seinen Hunger und seinen Trinkrhythmus abgestimmt, immer dabei und ein wahrer Immunbooster. Yeah! Die Urechsen wären stolz auf uns ;).

Montags-Mantra: Was hast Du heute gut gemacht?

fountain-pen-447576_1920Heute möchte ich euch ein Montags-Mantra -Gastbeitrag von der wunderbaren Julia Dibbern schenken. Es ist ein Spiel, das wir jeden Morgen spielen: Wir rufen einander morgens um acht an und fragen: „Was hast Du heute gut gemacht?“ Das macht einfach jeden Tag ein bisschen besser!

Julia zeigt im Montags-Mantra, wie ihr es noch intensiver machen könnt:

Was hast du heute gut gemacht? Teil I

Hand aufs Herz: Kannst du dir selbst zugestehen, Sachen richtig gut gemacht zu haben? Einfach so? Ohne „Naja, das hätte ja jeder gekonnt“ oder „Ich hätte aber an dieser Ecke dieses letzte bisschen noch besser hinkriegen müssen“ oder „Dafür hab ich aber die Blumen nicht gegossen“?

Wenn du Lust dazu hast, mach dir mal einen Spaß draus, diese Woche jeden Abend 5 Dinge aufzuschreiben, die dir gut gelungen sind.

  1. Ich habe heute nach dem Kindergarten nicht gedrängelt, dass wir nach Hause gehen müssen.
  2. Ich habe es einfach genossen, mit meinem Kind auf dem Sofa rumzuliegen, ohne Hummeln unterm Hintern zu kriegen.
  3. Ich bin ruhig geblieben, als die Kinder sich gestritten haben.
  4. Ich hab authentisch gebrüllt, bin aber fair geblieben dabei – YEAH!

Du verstehst, was ich meine. Vielleicht sind deine fünf Punkte Sachen, die dir schwer fallen und du bist besonders stolz darauf, wenn sie dir gelingen. Vielleicht fallen sie dir aber auch ganz leicht, dafür siehst du an deiner besten Freundin, wie schwer sie sein können. Nur weil dir etwas leicht fällt, bedeutet das nicht, dass du es deswegen nicht gut gemacht hast. 🙂 <3

jd

Lust auf noch mehr Montags-Mantras? Jede Woche eines im Artgerecht-Familien-Kalender lesen:41pCCF0faPL._SX425_51qTZxyEgcL._SX425_

7 Dinge, die artgerecht für Eltern und Kinder sind

ocean-931776_640Vor einigen Tagen hatte ich Besuch von Katharina Walter vom Online-Kongress „Mein geliebtes Kind“ und sie hat mich gefragt: „Nicola, was ist artgerecht für Menschen, für Eltern und Kinder?“
Gute Frage. Ich stelle hier mal meine Antworten zusammen. Manchmal hilft es mir, diese Dinge nochmal klar aufzuschreiben.
Kennt ihr das? Manchmal verändert sich alles zum Guten ohne dass wir viel tun müssen, einfach weil wir unsere Sichtweise ändern.

Was ist also Artgerecht für Eltern und Kinder? Ist es mit Stillen, Tragen, Familienbetten und Windelfrei getan? Nein, ist es nicht. Meine 7 Punkte:

  1. Artgerecht ist, nicht alleine zu sein. Das ist das allerwichtigste. Eine Homo-Sapiens-Mutter, die 10 Stunden am Tag mit ihrem Kind allein ist, lebt nicht artgerecht. Wir sind keine Katzen und keine Bären. Wir sind Gruppenwesen. Wir sind dafür nicht gemacht. Wenn ihr euch wundert, warum ihr keine endlose Geduld habt – nicht mal mit diesem süßen kleinen Baby – dann liegt hier die Antwort: Ihr seid nicht dafür gemacht.Manche schaffen es trotzdem. Aber die, die es nicht schaffen, die ausbrennen, einfach nur schlafen wollen, die abends dem Partner das Kind in die Hand drücken und nur noch weg müssen, die endlich in Ruhe duschen wollen, die sollten wissen: Das ist normal. Ihr braucht Unterstützung, Gesellschaft und jemanden, der das Baby hält, wenn ihr mal duschen wollt. Dann könnt ihr solche Phasen wir Fremdeln auch besser überstehen, wenn euch die süßen Kleinen bis aufs Klo folgen :).
  2. Artgerecht ist, Bedürfnisse zu stillen: Stillen nach Bedarf; rechtzeitiges Wickeln oder Abhalten, wenn das Baby das verlangt; ausreichend Schlaf, ausreichend soziale Kontakte.  Babys lieben es, anderen Menschen, besonders Kindern zuzusehen. Das ist besser als jeder Babykurs. Sie lauschen Gesprächen und sie können so wunderbare Spiele lernen, wenn der Mensch von nebenan aus seinem Gedächtnis seine Kinderspiele herausholt.
  3. Artgerecht ist, draußen zu sein. Geht raus, geht jeden Tag raus! Eure Babys brauchen das blaue Himmelslicht (sie schlafen besser, wenn sie es hatten), wir alle brauchen Vitamin D für unsere Knochen und Licht für unsere Psyche. Babys genießen den Wind auf ihrer Haut und ja – auch mal vom Regen durchnässt zu werden gehört zu einer Kindheit dazu.
  4. Artgerecht ist, Zeit zu haben. Ebenfalls total einfach – und doch oft so schwer. Termine, Kurse, das Smartphone – jeder hat so andere Zeitfresser. Aber unsere Kinder brauchen uns JETZT. Das Baby hat JETZT die Windel voll. Es hat JETZT Hunger. Die Dreijährige will JETZT ihr Bild zeigen. Das Schulkind muss sich JETZT Ausweinen. Das Smartphone kann warten. Der Musikkurs zur Not auch!Eure Kinder sind jetzt klein. Nur jetzt. Dieser Moment kommt nie wieder. Es kann das letzte Mal gewesen sein, dass sich euer Schulkind an euch kuschelt – morgen ist es vielleicht schon peinlich. „Kinder werden so schnell groß“ – das klingt so abgedroschen, aber es ist so! Überlegt euch, wenn ihr 80 Jahre als seid und auf die Bilder eurer Kinder zurückblickt: Welche Mutter/welcher Vater wollt ihr gewesen sein?
  5. Artgerecht ist, keine Angst zu haben. Klingt banal, ist es aber nicht. Ständige Angst um Geld, Sicherheit oder der Zukunft zermürbt uns. Auch Angst vor Menschen gehört in diese Kategorie: Angst vor dem Vermieter, dem Ex-Freund, der stressigen Schwiegermutter, dem Arbeitgeber, dem Jugendamt – die Liste ist erstaunlich lang. Viele Eltern erleben Ängste, manchen sind sie gar nicht bewusst. Aber auch unsere Kinder erleben Ängste! Erinnert ihr euch an einen unangenehmen Menschen in eurer Kindheit, vor dem ihr euch gefürchtet habt?Wir Menschen sind dafür gemacht, auf Angst mit Flucht oder Aktion zu reagieren und uns dann wieder zu entspannen. Ständige Belastungen hatte Mutter Natur nicht eingeplant. Wir haben dafür keinen Mechanismus. Daher sollten wir alles dafür tun, die Auslöser aus unserem Leben und dem unserer Kinder zu streichen oder aktiv mit unserer Angst umzugehen.
  6. Artgerecht ist, einander zu sehen. Egal wie schwer es manchmal fällt, es ist artgerecht, hinter das Verhalten unserer Kinder zu schauen: Babys wollen uns nicht tyrannisieren. Schulkinder wollen uns nicht das Leben zur Hölle machen. Das sind kulturelle Bilder, die wir uns ausgedacht haben.“Wir haben eine sehr einfaches, biologische System genommen und da Kultur draufgemacht“ sagt Meredith Small im Interview. Und wundern uns, dass es plötzlich so kompliziert wird. Seht einander. Seht nicht die kulturellen Bilder, die uns beigebracht werden. Versucht den Menschen dahinter zu sehen, das Kind, das fragt: Bist du für mich da? Liebst Du mich?
  7. Artgerecht ist, sich entscheiden zu können. Du willst arbeiten gehen und hast eine super Betreuung für dein Kind? Super – geh arbeiten! Du willst zu Hause bleiben und bei deinem Kind bleiben? Super – bleib bei deinem Kind! Artgerecht favorisiert keine der beiden Optionen, weil Menschen schon seit Jahrtausenden sehr unterschiedlich gelebt haben. Wir können uns an vieles anpassen, wenn unserer Basis-Bedürfnisse nach sicherer Bindung, Wärme, Nahrung erfüllt sind.Aus dieser Sicht sind Mommywars reine Zeitverschwendung.

Was ist für euch „artgerecht“?

 

 

Du willst Eltern auf ihrem Artgerechten Weg helfen? Ihr könnte euch ab jetzt zur Coach-Ausbildung 2016 anmelden:

http://www.artgerecht-projekt.de/ausbildung/artgerecht-coach/

Der neue Artgerecht-Kalender – Video

„Und wie sieht der von Innen aus?“ werden wir immer wieder gefragt. Im Video zeige ich es – und erzähle, was wir uns dabei gedacht haben :): Jahresrückblick, Lebensziele festlegen, Quartale beobachten, Notizen so verwalten, dass man sie wiederfindet, Listen erstellen und Kindergeburtstage ohne Stress planen, mit den Kids im Wald spielen und alle wichtigen Nummern immer gleich zur Hand haben – 2016 kann nur gut werden! Ich wünsche allen ein tolles Jahr!

Kurzversion:

Gemütliche Einführung:

Jetzt auf Amazon (na, nicht ganz, Lieferung durch Weekview):

Mit dem grauen Cover:

http://www.amazon.de/artgerecht-Planer-2016-weekview-Zeitplansystem/dp/B018UIHGHI/ref=sr_1_2?s=officeproduct&ie=UTF8&qid=1449095105&sr=1-2&keywords=artgerecht+planer

Mit dem rosa Cover:

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Der Inhalt ist gleich :).

Montags-Mantra: Streiten ohne sich festzufahren – Sieh drei Seiten!

Eine chinesische Weisheit besagt: Es gibt an jedem Ding drei Seiten. Eine die Du siehst, eine die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen.

Das hilft ungemein, Meinungsverschiedenheiten zu ertragen und friedlich auszutragen. Es macht die Sache auch viel weniger konfrontativ als wenn ich nur sage: „Du siehst es so und ich sehe es so.“ Wenn ich mir sage: Okay, ich sehe es so, du siehst es so und wahrscheinlich gibt es noch eine Sichtweise und ein Argument, das wir beide gar nicht im Kopf haben, wird mir die Relativität des Daseins bewusst.

Das ist besonders schön mit Kindern: „Du willst jetzt noch Schokolade. Ich sage: Deine Zähne sind schon geputzt. Du sagst: Morgen putzt du ja eh wieder. Und sicher hat Jesper Juul auch noch eine interessante Meinung dazu, etwa: Therapeuten sind teurer als Zahnärzte, aber Rituale sind wichtig.“

Was also tun? Sich entspannen. Anerkennen, dass auch wir Eltern nicht alles wissen. Man kann es ja mal ausprobieren. Mal sehen, ob die Zähne – oder das Ritual – sofort kaputt gehen, wenn wir heute Abend Schokolade essen. Oder ob gar nichts Schlimmes passiert. Das Leben hat so oft noch seine ganz eigenen Ideen, darauf ist Verlass.

Anschläge in Paris: Wie ich mit meinen Kindern über den Terror spreche

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Was tun, wenn der Terror an die Tür klopft? Die Terroranschläge in Paris sind schon für mich als Erwachsene unfassbar. Noch schlimmer wird es, wenn meine Vierjährige die Zeitung in der Hand hat, auf das Titelbild zeigt und fragt: „Mama, was machen die da?“

Ich versuche das tunlichst zu vermeiden. Bei uns läuft nie unkontrolliert das Radio mit Nachrichten, geschweige denn ein Fernseher. Aber wir haben eine Zeitung. Wenn es also passiert, dass meine Kinder „schlimme“ Bilder sehen, lüge ich. Meistens. Und das aus gutem Grund.

Wenn meine Kinder Bilder von Tragödien oder Attentaten sehen und fragen, suche ich den Mittelweg zwischen Wahrheit und Schonung: „Da hat jemand geschossen. Das passiert ganz selten und die Polizei kümmert sich bereits darum, dass es nicht wieder passiert. Es war ein Mensch, dem es sehr schlecht ging.“ „Ist jemand gestorben?“ will sie dann oft wissen. Und wenn man dem Bild nichts anderes entnehmen kann, lüge ich gnadenlos: „Nein, mein Schatz, er hat nicht getroffen.“

Warum tue ich das?

Auf meiner Reise durch die USA bekam ich eine Ausgabe des Mothering Magazine in die Hand mit einem Artikel: „How to nurture a nature lover“ – wie man kleine Naturliebhaber bestärkt. Die Autorin sprach sich nach Erfahrungen in New York dafür aus, Kinder auf keinen Fall mit Roten Listen und aussterbenden Tieren zu bombardieren, weil sie dadurch viel zu früh ein Gefühl von Machtlosigkeit und „es ist sowieso zu spät“ bekämen. Lieber sollten wir den Kindern eine Verbindung, eine Liebe zur Natur ermöglichen, damit sie sich dann später, wenn sie groß genug dafür sind, für sie einsetzen können. Mir leuchtete es ein – ich konfrontiere ja auch keine Vierjährige mit den Schwierigkeiten meiner Ehe.

Dieser Ansatz wurde jetzt bestärkt durch Tamara Brennan, PHD und Psychologin, und ihren Artikel „Talking to our Children about World Tragedies“ .

Sie schreibt:
– Erlebnisse in der der frühen Kindheit bestimmen, wie sich das Nervensystem der Kinder entwickelt
– hier bildet sich die Grundstimmung („Baseline mood“) für den Rest ihres Lebens
– Mit einem Gefühl der Sicherheit aufzuwachsen, hilft Kindern, eine bessere Grundstimmung zu entwickeln
– So können sie ihr Leben besser gestalten
– Sie werden stärker, selbstwirksamer, mutiger

Sie sagt, 7-Jährige haben ähnliche Gehirnströme wie Menschen, die jahrelang meditieren – in der Rückschau ein Gefühl der „Unschuld“. Sie argumentiert, dass wir die Kinder besser nicht mit Schreckensnachrichten aus diesem Land der Seligen reißen bevor ihr Gehirn ausgereift ist. Denn mit dem „in Ruhe“ ausgereiften Gehirn können sie die Probleme, die wir ihnen hinterlassen, viel besser lösen.

Eine Kindheit in einem Gefühl der Sicherheit heißt nicht, die Kinder in Unwissenheit zu lassen. Mein 7-Jähriger Sohn weiß mehr über das Ökosystem direkt vor unserer Tür, hinter unserem Haus und in unserem Wald als die meisten Erwachsenen, die ich kenne. Wenn dieses Ökosystem Probleme bekommt, wird er vorbereitet sein.
Er weiß viel über Kommunikation und Konfliktlösung, über Integration und Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen – einfach weil wir viele Freunde überall auf der Welt, Muslime und Christen, Buddhisten und Esoteriker um uns herum haben und wir oft darüber reden, dass jeder etwas anderes glauben darf.

Mein Kind ist informiert. Aber ich werde ihm nicht von den Anschlägen in Paris erzählen. Nicht mehr als: Da hat jemand die Kontrolle verloren, aber die Erwachsenen regeln das. Genauso wie ich beim Einsturz des Daches sagen würde: Keine Angst, mein Kind, das Dach ist kaputt, aber ich regele das.

Auf diese Weise hat er alle Werkzeuge, die er braucht. Aber er wird nicht seine Kindheit damit verbracht haben, von hungernden Kindern, sich aufheizenden Planeten und schießenden Terroristen Angst zu haben. Angst entsteht, wenn wir nichts gegen eine Gefahr tun können. Also ermächtige ich ihn erst, stärke ihn, etwas zu tun, bevor ich ihn mit Problemen konfrontiere.

Damit aus Angst Aktion und Selbstwirksamkeit entstehen können. Es ist noch viel zu tun.

/edit:
Danke für eure vielen Sichtweisen! Um es nochmal klarer zu machen, wegen der vielen Kommentare: Ich schirme die Kinder nicht komplett von der Welt ab. Aber ich gebe ihnen auch nicht die ganze Wahrheit in all ihrer beängstigenden Brutalität. Wenn sie nicht fragen – dann sage ich nichts. Wenn sie fragen, sage ich ihnen, dass etwas passier ist, aber so, dass sie sich nicht ängstigen müssen: „Es passiert, nein, es war nicht so schlimm wie man denken könnte, und ja, wir Erwachsenen regeln das.“ Das ist auch irgendwie „lügen“, aber aus meiner Sicht ist es eine notwendige und sinnvolle Abschirmung. Ich würde meinen Kindern auch nicht die Details unserer … z.B. Familien-Finanzen ausbreiten, weil es einfach zu komplex für sie ist.

Interview: "Ich kam nicht zu artgerecht – es kam zu mir" – zu Gast bei Mutterskuchen

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Nic im Interview:

Ich durfte zu Gast sein bei Mutterskuchen: Das neue Podcast Format von @fraumierau und @aluberlin :). Wir saßen 300 Meter vom Tipi-Dorf des Artgerecht Camps 2015 und unterhielten uns über Artgerecht – wie kam es dazu? Was heißt das? Dürfen Väter auch mitmachen? Dürfen Mütter arbeiten? Woher wissen wir, was artgerecht ist – und wie hat sich das auf mein persönliches Leben ausgewirkt? Was ist das besonders am Artgerecht-Babybuch?

Wir hatten sooo viel Spass –

Danke für die Einladung!

Artgerecht Babybuch, Nicola Schmidt, Kösel Verlag